Vernissage Stephan Hefti – Flow I

Auszug aus der Vernissage-Einführung

Roland Dunkel*, 2009

…Sie werden von meiner Einführung nicht erwarten, dass ich Ihnen die vermutlich ungewohnt anmutenden Arbeiten von Stephan Hefti erklären werde. Eine künstlerische Arbeit sagt selbst alles, was ihr zu sagen möglich ist: sie ist selbst Sprache. Was ich aber versuche, ist, Ihnen etwas von meinem eigenen Zugang zum Werk von Stephan Hefti zu sagen.

Wenn Sie mit einem ersten fragenden Blick durch die achtzehn Bilder dieser Ausstellung gegangen sind, ist es Ihnen vielleicht ähnlich ergangen wie mir: Die Augen in ihrem unzähmbaren Drang nach konkret fassbaren Bildern haben Sie vielleicht Gletscher oder Satellitenbilder von Ozeanen sehen lassen, vielleicht Korallenriffe oder erkaltende Lava. Unsere Augen täuschen uns nicht. Sie erinnern sich nur und zeigen auf Hunderte von Dingen in unserem Bildergedächtnis. Nun nehme ich an, Sie haben einen zweiten Blick getan und gesehen, wie die Gletscherspalten und Lavaströme nicht halten, was sie anfänglich versprochen haben: dass Sie hier nichts Dargestelltes und Abgebildetes vor sich haben, auch kein Bild, sondern ein Relief. Dies durchaus nicht nur im Sinne, dass sich ein Relief daraus ergibt, weil mehr Material als für ein übliches Gemälde verwendet wurde, sondern als Skulptur im dreidimensional Erfassbaren.

Nehmen Sie nun die hier aufgehängten Arbeiten von Stephan Hefti in Gedanken von den Wänden und legen Sie sie auf den Boden, sodass sich die ganzen Bildflächen unserem Blick von oben anbieten. Erinnern wir uns: Stephan Heftis Arbeiten tragen den gemeinsamen Titel „Flow“: das Fliessen, der Lauf, das Strömen. Spätestens wohl in diesem Moment wird offenbar, wie weit diese Arbeiten entfernt sind von einer Absicht, etwas wiederzugeben. Sie selber sind die Bewegung. Um genau zu sein: sie sind die Bewegung, die man zum Anhalten gebracht hat, sie sind der angehaltene Fluss, damit man seiner gewahr werde. Wir sehen den Prozess der Entstehung dieser Arbeiten, das Fliessen, das gegenseitige sich Abstossen oder Vermischen, das Reissen der erstarrenden Oberflächen und vieles mehr in unzähligen Formen. Uns berührt merkwürdig, wie die hier im Kunstwerk beobachteten Gesetzmässigkeiten sich wieder mit der Wahrnehmung der ersten unbewussten Bilder von Gletschern, Korallen und Flüssen verbinden.

Aber natürlich ist da noch ein anderes: Eine Muschel zeigt die Gesetzmässigkeit der artbedingten Lebensweise des Muscheltiers, aber sie ist auch die zu Kalk gewordene Biografie dieses individuellen Lebewesens. Ein Schnitt durch den Stamm des Birnbaums zeigt die gesetzmässigen Eigenheiten der Art. Aber das Holz selbst ist in allen Details selber die Geschichte dieses einen Baumes. Ähnlich offenbart das Kunstwerk den Künstler. Es offenbart mehr, als er selber von sich weiss. In welcher Ursprünglichkeit sich hier etwas zum Dialog anbietet, entzieht sich aller Beschreibung.

Sie fragen sich, wo der Platz des jungen Künstlers im zeitgenössischen Kunstgeschehen etwa zu suchen sei. Stephan Hefti sagt, dass die Begegnung mit den Arbeiten Jackson Pollocks für ihn Bedeutung gehabt habe. Tatsächlich scheint beim ersten Vergleich eine Ähnlichkeit durchaus gegeben. Welch ein Unterschied wird aber bei näherer Betrachtung, nicht nur im Ausdruck, sondern auch im Verhältnis zum Kunstwerk selbst sichtbar: während der Actionpainter bis zu gänzlicher Indifferenz den Qualitäten von Farbe und Material gegenüber steht, um alles der Spur des malerischen Gestus zu opfern, sehe ich bei Stephan Hefti viel mehr etwas, was ihn in die Nähe eines Zen-Künstlers rücken würde: Bei beiden ist diese grosse Aufmerksamkeit für die Sprache des verwendeten Materials, bei beiden die höchste künstlerische Wachheit für Nuancen.

Vielleicht hat der Künstler die Verpflichtung, uns anderen beim Schwierigsten zu helfen, das es gibt: der Begegnung mit uns selbst. Der Künstler trifft nur das Wesentliche, wenn er aufrichtig und wach registriert, was sich in ihm abzeichnet. Wer das Kunstwerk nutzen will, kann es nur, indem auch er wach und unzimperlich registriert, was in ihm anklingt. Ich sehe im Werk von Stephan Hefti diese Wachheit und zweifle nicht, dass sich auch Ihnen etwas davon mitteilt.

*Roland Dunkel ist bildender Künstler und lebt in Basel