Ästhetik des Kontinuums

Ästhetik des Kontinuums: die Entwicklung der Welt in der Kunst von Stephan Hefti

Catherine Berger*, Juli 2009

Der Basler Künstler Stephan Hefti (geb. 1982) schafft Arbeiten mit beeindruckender materieller Präsenz. Die grossformatigen Leinwände und Holztafeln werden zwar in konventioneller Manier an die Wand gehängt, aber sie als Malerei zu bezeichnen, käme einer Vereinfachung gleich. Hefti selber spricht gerne von Reliefs, denn er bricht aus dem zweidimensionalen Medium der Malerei aus, dessen Selbstkritik seit der Moderne ein elementarer Bestandteil der Entwicklung ist. Hefti bearbeitet die Bildträger wie Jackson Pollock, indem er sie auf den Boden legt. Aber über die gemeinsame Horizontalität hinaus (deren Nachwirken übrigens bei beiden Künstlern im Endprodukt limitiert ist) verliert sich der Vergleich mit dem abstrakten Expressionisten recht schnell. Heftis Reliefs erinnern an Landkarten dieses Typs, sie ähneln aber auch Satellitenbildern oder erscheinen als ein Stück Natur selbst, erinnernd an das Brausen des Ozeans oder an erkaltete Lava.

Heftis Arbeiten sind im Kontext der Postmoderne zu sehen und wissen ihre Ahnen weniger im traditionellen Landschaftsbild als in den Praktiken der Land Art, die in den 1960er und 70er Jahren eine erste Blüte erlebte. Diese Strömung war auch beeinflusst vom neuen Weltbild, das dank Raumfahrt und Satellitentechnik möglich wurde. Nach dem erstmaligen Verlassen des Planeten Erde erhielten die Menschen neu die Möglichkeit, sich ein ganzheitliches Bild von ihrem Habitat zu machen. Dieses wurde massenmedial verbreitet und löste im humanen Bewusstsein ein bis anhin von Kunst und Literatur erschaffenes, partielles und von individuellen Sichtweisen geprägtes Bild des Planeten ab.

Dem Begründer der Land Art, Robert Smithson, ging es unter anderem darum, die Kunst, die sich schon immer mit dem Thema der Landschaft beschäftigte, aus dem Museum ausbrechen zu lassen. Dieser Ansatz findet sich in den Praktiken diverser Gegenwartskünstler wieder, die sich ebenfalls mit dem Thema Natur befassen. Als Beispiel seien das kubanische Kollektiv Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla angefügt, oder Rikrit Tiravanija mit The Land, die ebenfalls Erde als Medium benützen. Dabei geht es ihnen zentral um Aussagen zum Themenkreis Ökologie, Nachhaltigkeit und Geopolitik.

Sowohl in diesen Fragen wie auch im gewählten Medium unterscheidet sich Stephan Hefti von seinen Zeitgenossen. Im Gegensatz zur Land Art ist er aber mit ihnen verbunden, weil seine Kunst keinen Eingriff in die Natur selbst darstellt. Durch das Umformen von Natur stehen Künstler wie Robert Smithson oder Michael Heizer noch immer in der Tradition des Dominators über die Natur. Aber die grüne Bewegung, die reale Gefahr globaler Erwärmung und der sogenannte Treibhauseffekt machten inzwischen deutlich, wie tiefgreifend der Mensch seinen Planeten umformen kann.

Heftis Schaffensweise ahmt die Erde selbst nach. Der Künstler bildet Landschaft nicht ab (dies geht einher mit  der Repräsentationskritik in der Postmoderne), sondern wiederholt sie, bildet den Prozess ihrer Entstehung mit chemischen Prozessen nach. Es geht ihm weniger darum, den Eingriff des Menschen zu kritisieren, als darzustellen, was mit dem Planeten geschieht. Hefti akzeptiert die Verwandlung der Erde durch Menschenhand und bezieht diese Verwandlung mit ein in den ununterbrochenen Verwandlungsprozess der Welt.

So haben Heftis Werke nichts Didaktisches oder Instruktives an sich (und leisten auch nicht den politischen Apell wie die Werke anderer Gegenwartskünstler). Sie leisten ihre Aussage vielmehr über ihre mystische Aura und ihre geheimnisvolle Materialität. So sagt Hefti denn auch, dass Kunstwerke durch Berührung universaler Punkte den Betrachtenden eine Wahrheit zu vermitteln vermögen. Hefti ist davon überzeugt, dass der Künstler seine spezielle Begabung dazu nützen kann, ja die feste Verpflichtung hat, seine eigenen Erkenntnisse sichtbar zu machen und anderen mitzuteilen. Einen ähnlichen Ansatz haben auch die oben genannten Gegenwartskünstler, obwohl es ihnen eher darum geht, ein konkretes politisches Bewusstsein zu schaffen. Heftis Ansatz hingegen ist durchströmt von transzendentaler Eigenschaft und einem unmittelbaren, nicht über den Kopf geleiteten Zugang. Die Unmittelbarkeit des visuellen Mediums gepaart mit der grossartigen taktilen Qualität seiner Arbeiten bietet sich dafür an.

*Catherine Berger ist Kunsthistorikerin und lebt in London